Berlin

Nachdem Mark Twain im späten 19. Jahrhundert die deutsche Hauptstadt besuchte, stellte er fest: „Ich glaube nicht, dass es irgendetwas auf der ganzen Welt gibt, was man nicht in Berlin lernen könnte – außer der deutschen Sprache!“ Zugegeben, der US-amerikanische Schriftsteller hat als Kritiker der deutschen Sprache eine gewisse Bekanntheit erlangt, einige Germanisten würden ihm möglicherweise sogar Recht geben. Der erste Teil der Aussage behält jedoch nach zwei Weltkriegen und einem kalten Krieg seine Gültigkeit: Berlin gilt als deutsche Innovations-Hauptstadt. Dies äußert sich vor allem in der aktiven Gründerszene – wenn im In- und Ausland von Berlin die Rede ist, fallen nicht selten Begriffe wie „Start-Up-Kultur“, „Venture-Capitalist“ und „Unternehmer-Standort“.

Wer die Zahlen zu den Unternehmens-Neugründungen unter die Lupe nimmt, könnte zu dem Schluss kommen, die Hauptstadt habe das tief liegende Bedürfnis, die gegenüber den anderen Wirtschaftsstandorten politisch bedingten Rückstände aufzuholen. Während die Stadt zwischen 1945 und 1990 neben einer politischen, auch eine wirtschaftliche Schockstarre erlebte, konnten sich die Standorte Hamburg, Köln, Stuttgart und München ungehindert entwickeln. Unternehmen die ihren Ursprung im Berlin des frühen 20. Jahrhunderts haben, wie bspw. Siemens, konnten sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (in diesem Fall in München) zu Weltkonzernen entwickeln.

Seit der Wiedervereinigung gilt Berlin weltweit als Zentrum der Gründer- und Kreativ-Szene. Statistisch gesehen, wird in der Bundeshaupstadt alle 19 Stunden ein Unternehmen gegründet. In der IT-Branche stieg die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 2008 und 2012 um 24 Prozent. Im selben Zeitraum verzeichnete München einen Zuwachs von nur 5 Prozent. Zu den bekanntesten Startups in Berlin gehören Delivery Hero, Rocket Internet und Zalando.

Unternehmerische Argumente für Berlin

Was sind die Schlüssel für den Aufstieg von Berlin als deutsche Unternehmer-Metropole und wie wird diese Entwicklung von der Landesregierung unterstützt?

  • Niedrige Lebenshaltungskosten: Auch wenn gerade in den letzten Jahren von einem starken Anstieg gesprochen werden kann, halten sich die Kosten für das tägliche Leben in Grenzen. Die Webseite numbeo.com, welche die Kaufkraft in einzelnen Ländern und Regionen der Welt miteinander vergleicht, nennt bspw. durchschnittliche Kosten für eine Drei-Zimmer-Wohnung im Stadtzentrum von München in Höhe von 2.121,51 EUR, während man eine Wohnung in derselben Größe in Berlin für 1610,00 EUR mieten kann. Diese Entwicklung wird durch Einführung der Mietpreisbremse im Juni 2015 untersützt, sodass es kein Zufall ist, dass seit 2015 eine durchschnittliche Verringerung der Mietpreise zu beobachten ist
  • Vergleichsweise geringe Bürokratie: Einige dürften über dieses Statement schmunzeln, in einer Studie von 2015 wurde jedoch ermittelt, dass 39% der Start-Ups den örtlichen Behörden eine gute Bewertung gaben, ein Wert, der 15 Prozentpunkte über dem europäischen Durchschnitt liegt.
  • Hohe Attraktivität für Venture Capitalists: Im Jahre 2014 konnte Berlin höhere Investments erreichen als London, Europas attraktivste Hauptstadt für Start-Up-Investments.
  • Eine hohe Anzahl von Groß-Unternehmen, die Niederlassungen in Berlin gründen: Eine große Zahl an Konzernen errichten Konzernfirmen oder einzelne Niederlassungen in der deutschen Landeshauptstadt um mit der Start-Up-Szene in Kontakt zu bleiben und von den geringen Kosten für Miete und Pacht zu profitieren
  • Große Universitätsdichte: Die Zahl der Studierenden liegt in Berlin im mittleren fünfstelligen Bereich. Hinzu kommen einige Hochschulen, die nicht nur qualifiziertes Personal sondern auch zukünftige Unternehmer hervorbringen
  • Englisch als „Amtssprache“: In seiner wissenschaftlichen Arbeit befragte Thomas Baron mehrere Mitarbeiter der Start-Up-Szene die bestätigten, dass in rund 98% der Fälle englisch gesprochen wird. Während in den ersten Jahren der Berliner Start Up Szene, bspw. in der Berlin Web Week 2008, hauptsächlich deutsch gesprochen wurde, hat sich englisch mittlerweile zur Amtssprache in den Start-Ups entwickelt – einige behaupten, ohne englisch sei es nicht möglich in der Start-Up-Community zu überleben. Dies liegt nicht zuletzt an der großen Zahl von ausländischen Mitarbeitern die in Berlin tätig sind zum anderen aber auch an der Schwierigkeit der deutschen Sprache, die – verbunden mit der Schnelllebigkeit der urbanen Entwicklung und der Technologie – von vielen nicht als notwendig erachtet wird.

Bekannte Start-Ups

Im folgenden sollen einige der bekanntesten Start-Ups der letzten 10 Jahre aus Berlin vorgestellt werden.

Delivery Hero

Mit einem Jahresumsatz von 544 Mio. Euro im Jahr 2017 gehört Delivery Hero zu den Spitzenreitern aus der Berliner Start-Up-Szene. Bei einer Societas Europaea und einer Gründung vor knapp 10 Jahren kann jedoch kaum noch von Start-Up-Größe gesprochen werden.

Den entscheidenden Schub erhielt das Unternehmen über eine Kapitalerhöhung durch Investoren im Jahr 2014, bei der 400 Mio. Euro gewonnen werden konnten. So konnte bspw. die Übernahme des deutschen Marktführers pizza.de vorangetrieben werden. Im darauffolgenden Januar erwarb Rocket Internet, selbst ein Berliner Start Up, einen Anteil von 38,5% an Delivery Hero.

Delivery Hero konzentriert sich in erster Linie auf die Erstellung von Online-Plattformen zur Bestellung von Essen, wie bspw. Pizza. Stand 2017 ist die Plattform unter unterschiedlichen Namen in über 40 Staaten vertreten, darunter Australien, Türkei, Großbritannien und Deutschland. Von den insgesamt 14.600 Mitarbeitern sind 1.000 Mitarbeiter am Hauptsitz in Berlin tätig. Stand Mitte 2016 zählt das Unternehmen rund 200.000 Partner-Restaurants. Mit einer Bewertung von 2,8 Milliarden Euro zählt das Unternehmen nach Spotify zu den höchst-bewerteten, privat finanzierten Internetunternehmen in Europa.

Zalando

Selbst die kühnsten Optimisten dürften Zalando den Erfolg der letzten zehn Jahre nicht zugetraut haben. Mit einem mutigen Konzept, Startkapital der Samwer-Brüder und einer aggressiven Werbekampagne, hat Zalando das Shopping-Erlebnis für zahlreiche Deutsche revolutioniert.

Was Ende des ersten Geschäftsjahres 2008 nach Handelsgesetzbuch noch als „kleine Kapitalgesellschaft“ bewertet wurde, erwirtschaftete im Jahr 2017 einen Umsatz von 4,49 Mrd. Euro und ist in zahlreichen europäischen Ländern wie etwa Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland, Schweden und Großbritannien vertreten.

2008 als einfache Online-Plattform gegründet, entwickelte sich Zalando schnell zu einem mehrdimensionalen Einkaufsgeschäft, zum einen durch die Gründung von Outlet-Stores in Berlin und Frankfurt, zum anderen aber auch durch Gründung mehrere Ableger in Brasilien, Süfafrika und Australien.

Rocket Internet

Rocket Internet versteht sich als Inkubator für Start-Ups. Durch Beteiligungen an verschiedenen Berliner Start-Ups entstand etwa Delivery Hero, HelloFresh oder Zalando. Das Unternehmen wurde im Jahr 2007 von den Brüdern Oliver, Marc und Alexander Samwer in Berlin gegründet. Während einige kritische Stimmen das Unternehmen als „Klonfabrik“ bezeichnen, da es bestehende Geschäftskonzepte kopiert, gehört Rocket Internet dennoch zum großen Vorbild in der Berliner Start Up Szene.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass auf Grund der politischen Entwicklungen des vergangenen Jahrhunderts Berlin im wirtschaftlichen Kurs einen anderen Weg eingeschlagen hat. Hervorzuheben ist aber, dass die vergleichsweise geringe Zahl an DAX- und mDAX-Unternehmen durch eine hohe Zahl an ausländischen Niederlassungen und Startups wieder aufgewogen wird.